Riaan Stipp happierjobs

„Unter Druck werden viele Organisationen kreativ und flexibel.“

Riaan gehört zu den typischen Gründern seiner Generation. Er möchte etwas in der Arbeitswelt verändern, da er unzufrieden ist mit den typischen Arbeitsbedingungen, vor allem bezogen auf die 40-Stunden Woche. Deshalb überlegt er wie er den Wandel aktiv unterstützen kann und gründet.

Mit happierjobs.org bietet er nun Unternehmen und Einzelpersonen eine Plattform, auf der ausschließlich Berufe in Teilzeit ausgeschrieben werden. Dabei handelt es sich nicht um die typischen 450-Euro-Jobs. Im Gegenteil, hier werden Positionen auf Führungsebene inseriert.

Ein spannendes Thema für viele Mütter und Frauen, die neben ihrer Karriere noch Zeit für ein abwechslungsreiches Sozialleben haben wollen. Im Interview verrät uns Riaan, warum die Zeit für mehr Teilzeitjobs reif ist, welche enormen Vorteile eine Führungsposition in Teilzeit bietet und was das größte Hindernis ist.

FiF: Riaan, du bist der Gründer von happierjobs.org, der ersten Plattform für Teilzeitjobs. Schildere uns bitte deinen Lebenslauf. 

Meine berufliche Laufbahn began in der Digitalberatung, später wechselte ich ins Produktmanagement, u.a. bei einem bekannten Onlinemarktplatz für Immobilien. In allen Positionen war ich in Vollzeit angestellt. Genaue Zeiterfassung gab es nie. Dafür  skeptische Blicke, wenn man nach getaner Arbeit, pünktlich das Büro verließ.

Die Geschichte von HappierJobs.org began als ich auf Jobsuche war. Gewünscht habe ich mir einen Job, der meinen Qualifikationen entspricht und mir eine berufliche Weiterentwicklung ermöglicht. Gefunden habe ich aber nur Vollzeitstellen. Auf Nachfrage erhielt ich immer ähnliche Absagen: „Das ist eine Management Position, die gibt es nur in Vollzeit.“, „In Teilzeit kann man keine Karriere machen“ oder – hinter vorgehaltener Hand – „Teilzeit ist nur was für Muttis.“.

Das waren allesamt Aussagen, die auf verqueren Vorstellungen der heutigen Arbeitswelt oder veralteten Geschlechterrollen basierten. Gute Argumente für die Notwendigkeit einer Daueranwesenheit blieben aus. Die 40 Stunden Woche ist, in erster Linie, ein gedankliches Konstrukt, nicht eine organisatorische Notwendigkeit. Um dieses mentale Konstrukt aufzubrechen und Alternativen aufzuweisen, habe ich die Initiative HappierJobs.org gegründet.

FiF: Erzähl uns, was HappierJobs.org genau ist?

HappierJobs.org ist eine Initiative, die ich ehrenamtlich aufgebaut habe. In erster Linie ist es eine Lobby für alternative Arbeitszeit-Modelle. Wir betreiben viel Kommunikationsarbeit, um auf die Vorteile von Teilzeit aufmerksam zu machen, bei Arbeitnehmer*innen und Arbeitgeber*innen. Darüber hinaus betreiben wir eine Jobplattform, exklusiv für Traumberufe in Teilzeit. Hiermit helfen wir Menschen, die in alternativen Arbeitszeitmodellen Karriere machen möchten, ihre nächste Anstellung zu finden. Zu guter Letzt beraten wir Unternehmen, wie sie gute Voraussetzungen für eine Karriere in Teilzeit bei sich schaffen.

FiF: Warum ist Deutschland reif für mehr Teilzeitjobs?

2018 ist die 40 Stundenwoche einhundert Jahre alt geworden. 1918 war es eine wichtige Einigung von Gewerkschaften und Unternehmensverbänden. Sie führte dazu, dass der technische Fortschritt in Form einer Arbeitszeitreduzierung, bei großen Teilen der Bevölkerung, ankam.

Dieser technischer Fortschritt ging in den letzten 100 Jahren ungebremst weiter. Allein in den letzten 30 Jahren hat die Digitalisierung, die Arbeitswelt um ein Vielfaches effizienter gemacht. Die Zeiten von Schreibmaschinen und Faxgeräten sind lange vorbei. Diese Effizienzsteigerung muss bei den Menschen ankommen, nicht nur in Form höherer Löhne, sondern auch in Form von mehr Zeit.

Fast noch wichtiger ist, dass sich die Art der Arbeit gewandelt hat. Heute ist in sehr vielen Berufen, in erster Linie, unsere Konzentration gefragt. Diese hält jedoch nur in seltenen Fällen acht Stunden pro Tag an, das zeigt die Wissenschaft. Deswegen lasst uns lieber kürzer und produktiver arbeiten und die gewonnene Zeit besser nutzen!

FiF: Hast du ein paar Fakten für uns? 

Einige! Zum Beispiel, falls du mit dem Gedanken spielst, in Teilzeit zu wechseln, bist du nicht allein! Laut einer repräsentativen Umfrage des Marktforschungsinstituts Toluna würden 55% der Deutschen gerne nur 4 Tage die Woche arbeiten, auch wenn damit ein geringeres Gehalt einhergeht.

Dies gilt auch für für Menschen in Führungspositionen. Eine Untersuchung von Boris Golfer Consulting und Professorin Erika Regnet von der Hochschule Augsburg hat ergeben, dass zwei drittel der jüngeren Manager sich eine Arbeitszeit unter 40 Stunden pro Woche wünschen.

managerSeminare.de ist der Frage nachgegangen, warum nicht mehr Fach- und Führungskräfte in Teilzeit wechseln. 61% der Befragten Fach- und Führungskräfte gaben an, dass der Arbeitgeber dies verhindere.

FiF: Für Frauen ist ein guter Job in Teilzeit von großer Bedeutung. Gibt es auf deiner Plattform auch Führungspositionen in Teilzeit? Welcher Art?

Wir wollen Teilzeit vor allem in Führungspositionen und hochqualifizierten Berufen fördern, u.a. dadurch, dass wir genau solche Positionen auf unserer Jobplattform veröffentlichen. Dies machen wir, indem wir speziell nach Unternehmen suchen, die Teilzeit-Führungspositionen ermöglichen. Darüberhinaus bietet die Plattform eine gezielte Suche nach Jobsharing Positionen an, ein Modell das zunehmen an Beliebtheit bei Mitarbeiter*innen und Arbeitgeber*innen gewinnt.

FiF: Du bist sicherlich in regem Kontakt mit vielen Unternehmen. Warum bieten nicht mehr Arbeitgeber Teilzeitjobs an?

In vielen Unternehmen herrscht der Glaube: Wichtige Positionen können nur in Vollzeit ausgeübt werden. Eine gute Argumentationsbasis fehlt in aller Regel.

FiF: Wie sieht das Feedback der Unternehmen aus, die auf Teilzeit setzen?

Es vor allem zwei Themen, mit denen Unternehmen sich auseinandersetzen, um ihren Mitarbeiter*innen eine Karriere in Teilzeit zu ermöglichen.

Als Erstes sind es die organisatorische Prozesse. Klare Absprachen und Regeln reichen aus, dass es keine spontanen Nachfragen bedarf. Dies verhindert Blocker, wenn eine Teilzeit Kolleg*in gerade nicht im Büro ist.

Als zusätzliche Sicherheit, vereinbaren viele Teilzeit-Führungskräfte, dass sie an jedem Wochentag mindestens zwei Mal ihre E-Mails überprüfen und auf dringende Anfragen reagieren.

Und wie unter wichtigen Führungskräften üblich, sind sie in ganz dramatischen Katastrophen, in der Regel, fast immer telefonisch zu erreichen.

Das zweite Themenfeld betrifft die Bewertung von Leistung von Mitarbeiter*innen. Zu oft fehlt Unternehmen eine Struktur und eine einheitliche Bewertungsskala für die Evaluierung. In solchen Fällen urteilen viele Führungskräfte oft eher nach Bauchgefühlt. Da gilt dann häufig der Glaube, wer abends länger da sitzt, muss wohl am produktivsten sein.

In vielen Unternehmen wird erst ernsthaft über Teilzeit als echte Karrieremöglichkeit nachgedacht, wenn herausragende Mitarbeiter*innen diese einfordern, womöglich sogar mit rechtlichen Mitteln. Weitere notwendige Voraussetzung: ihre Vorgesetzt*innen möchten sie wirklich halten. Unter dem Druck, dass wichtige Kompetenzen, dem Unternehmen entgehen könnten, werden Organisationen kreativ und flexibel. Manchmal eine kleine Herausforderung zu Beginn. Aber in fast allen Fällen, ist das längerfristige Feedback, sehr positiv. Warum? Weil die Mitarbeiter*innen bringen oft ähnlich hohe Leistung in weniger Zeit, es fallen weniger Krankheitstage an und sie sind insgesamt zufriedener. Und was kann sich ein Unternehmen mehr wünschen als produktive, gesunde und zufriedene Mitarbeiter*innen?

FiF: Und was sagen die Männer und Frauen, die über dein Portal einen neuen Job gefunden haben? Was ist das Schöne an einem Beruf an Teilzeit, was das negative?

Klar, der Wechsel in die Teilzeit birgt Herausforderungen. Vollzeit Kolleg*innen neigen zu negativen Kommentaren: „In Teilzeit arbeitet man nicht richtig!“, „Jetzt bleibt alles an mir hängen!“ oder „Die will halt nicht Karriere machen!“. Egal, ob diese Sätze von einer Teilzeit-Gegner*in stammen oder auf heimlichem Neid basieren, durch aktive Kommunikation lassen sich Vorbehalte gut aus dem Weg räumen.

Die zweite Herausforderung ist der Gehaltsrückgang. Entscheidend hier ist der Umfang der Teilzeit, viele Arbeiten 32 Stunden die Woche. Von Vorteil ist, dass das wegfallende Gehalt stärker besteuert wurde als der Rest. Somit bedeuten oft 20% weniger Arbeitszeit, kein ganzen 20% weniger Nettolohn.

In diesem Zusammenhang, müssen wir noch das leidige Thema Rente ansprechen. Alle sollten sich mit ihrer Altersvorsorge auseinanderzusetzen. Hier gilt jedoch, wer früh beginnt, kann auch mit kleinen Beiträgen diese entscheidend aufstocken.

Die Erfahrung zeigt, dass in vielen Berufen, durch etwas bewussteren Konsum und eine aktivere Rentenplanung, der Gehaltsrückgang gut meistern lässt.  

Das bringt uns zu dem Hauptvorteil: Zeit! Zeit ist wertvoll. Den Zeit Zugewinn spüren Menschen, die von Vollzeit in Teilzeit wechseln, sofort. Schon wenige Stunden pro Woche, schaffen einen Raum für Selbstentfaltung, Familie, Hobbies oder Entspannung. Dieser Ausgleich erhöht die Lebensqualität. Und oft sogar die Arbeitsqualität! Die neue Balance und alternativer Input, z.B. durch Lesen, können helfen die Herausforderungen des Joballtags besser aus der Distanz zu bewerten und Lösungen zu finden.

Der wahre Wert, der hinzugewonnen Lebensqualität, zeigt sich vor allem, wenn man Menschen in Teilzeit fragt, ob Sie zurück wechseln würden? Die Antwort ist in den allermeisten Fällen ein klares: Nein. Jede und jeder füllt diese gewonnene Zeit anders, gemein haben sie aber, nie wieder drauf verzichten zu möchten.

Zum Abschluss, würde ich gerne jede Leserin und jeden Leser dazu aufrufen, sich eine einfache Frage zu stellen: Was würdest du mit mehr Freizeit machen?