Dagmar Schuller audEERING Titel
(c)_Arlet Ulfers

„Ich möchte Frauen anregen, über Grenzen hinaus zu denken.“

Mit 15 Jahren entscheidet sich Dagmar Schuller das Dorfleben hinter sich zu lassen um auf eine technische Schule zu gehen, die sich auf Informatik spezialisiert hat. Zu dieser Zeit ein absolutes Novum, weshalb sie sich im Klassenraum hauptsächlich mit Jungs wiederfand. Doch sie wusste sich durchzusetzen und behielt ihre Begeisterung für den Tech-Bereich.

Einige Jahre später ist Dagmar Schuller Gründerin und CEO des Unternehmens audEERING, welches sich mit Audiosprachanalysen mithilfe von künstlicher Intelligenz befasst. Die Gewinnerin des Bayerischen Innovationspreises erzählt uns im Interview, warum Technik und künstliche Intelligenz immer mehr im Alltag eingesetzt werden, wie man erfolgreicher als andere ist und wie selbstzweifelnde Frauen Karriere machen können.

FiF: Frau Schuller, von der Universität zum Multimillionen-Unternehmen. Schildern Sie bitte Ihren Lebenslauf.

Technologie hat mich schon immer begeistert. Bereits als Teenager haben mich Informationstechnologie und die sich daraus ergebenden Möglichkeiten fasziniert. Deshalb bin ich auch mit 15 Jahren zu einer spezialisierten höheren technischen Schule für Informatik gewechselt – damals ein Novum. Dort hat mein Weg in den Tech-Bereich begonnen und auch mein erster Kontakt zu Künstlicher Intelligenz. Ich war schon damals überzeugt davon, dass KI ein unfassbares Potenzial in sich birgt, auch wenn die Technologie noch in ihren Anfängen steckte. Bei meinem Studium an der New York University hatte ich dann spezielle Kurse wie beispielsweise Data Mining belegt, um das zu vertiefen.

Ich habe dann aber nicht Informatik, sondern Wirtschaftswissenschaften mit Schwerpunkt Wirtschaftsinformatik und internationales Management sowie Rechtswissenschaften mit Schwerpunkt IT-Recht studiert. Vor dem Schritt, selbst zu gründen, war ich als Management Consultant im Bereich Information Systems Assurance and Advisory für Ernst & Young in Wien und New York, als Finanzvorstand eines New Media Unternehmens in München sowie als Senior Vice President für ein internationales Investment der Hubert Burda Media tätig. Bereits während dieser Stationen habe ich ganze Unternehmensbereiche neu aufgebaut, Investitionsrunden begleitet, Strategien mit dem Schwerpunkt Digitalisierung entwickelt und diese operativ umgesetzt. Ich hatte also die besten Voraussetzungen, selbst zu gründen.

Mit audEERING begann dann alles mit der Forschungsarbeit des Gründerteams, insbesondere Prof. Dr. Björn Schuller, an der TU München, wo die frei zugängliche Audioemotionsanalyse-Technologie openSMILE entwickelt wurde. Aufgrund des großen Erfolges und unserer Überzeugung, dass empathische Assistenten und intelligente Audioanalyse unsere Zukunft wesentlich beeinflussen werden, haben wir uns dann 2012 entschieden, audEERING zu gründen, um von der Forschung hin zur Industrie zu arbeiten.

FiF: Ihr gegründetes Unternehmen audEERING ermöglicht eine intelligente Sprachanalyse. Erläutern Sie dies bitte kurz.

Unsere Lösung erkennt auf Basis der von uns entwickelten KI-Technologie über 50 Sprechzustände und Emotionen wie Freude, Angst oder Wut aus der menschlichen Stimme sowie die Akustik der Umgebung und deren Einfluss. Das heißt, wir analysieren, WIE jemand etwas in einer akustischen Szenerie sagt und nicht nur, WAS die Person sagt. Die intelligente Software benötigt nur wenige Sekunden aus dem Sprachsignal und liefert in Echtzeit verlässliche Ergebnisse. Die Analyse basiert unter anderem auf den persönlichen, unveränderbaren und objektiven Sprachmerkmalen wie Tonlage, Stimmklang, Rhythmus oder Melodie, aber beispielsweise auch paralinguistischen Merkmalen.

Wir haben die Vision, mit unserer Lösung die Kommunikation zwischen Mensch und Maschine zu revolutionieren, indem wir Maschinen befähigen, den individuellen Zustand eines Menschen zu erkennen und darauf angepasst zu reagieren. Mit unserem Team entwickeln wir immer wieder neue Anwendungsgebiete, um einen möglichst breiten Zugang zu unserer Technologie zu ermöglichen. Beispielsweise kann sie das Gesundheitswesen deutlich verbessern und im Bereich Diagnose sowie Therapie revolutionieren. Dazu ist die Technologie auch im Bereich Transport, wie beispielsweise dem autonomen Fahren, oder bei kommerziellen Anwendungen wie Customer Experience, Call-Center, Gaming oder Marktforschung äußerst relevant.

FiF: Trotz vieler hilfreicher Entwicklungen gibt es eine große Anzahl an Kritikern künstlicher Intelligenz. Warum gibt es Ihrer Meinung nach keinen Grund davor Angst zu haben?

Künstliche Intelligenz wird immer noch als Mysterium empfunden, das uns Menschen bald ersetzen wird. Natürlich löst dieses Unwissen auch Ängste aus. Schaut man auf frühere technologische Meilensteine zurück, war das ganz genauso. Ich denke da immer an drei unterschiedliche Cover des „Spiegel“: Das erste zur industriellen Automation titelte „Oh Gott! Jetzt kommen die Computer!“, das zweite „Oh Gott! Jetzt kommt das Internet“ und zuletzt hieß es „Oh Gott! Roboter nehmen uns die Arbeitsplätze weg“. Ich denke, es ist wichtig, das ganze Thema KI zu entmystifizieren, um den Menschen ihre Ängste zu nehmen. Die Basis von Künstlicher Intelligenz sind letztlich statistische und mathematische Verfahren. Ganz einfach gesagt: Wir füttern Maschinen mit Daten, damit sie Muster und Parameter erkennen, um Prozesse zu automatisieren und uns Arbeit abzunehmen.

Deshalb wird sich die Art und Weise, wie wir arbeiten, ebenso wie damals durch Computer und das Internet verändern. Es gibt bereits viele Bereiche, in denen Maschinen bessere Entscheidungen als Menschen treffen können, weil sie diese auf einer Datenmenge basieren, die ein Mensch so nicht verarbeiten kann. Das heißt aber nicht, dass das menschliche Gefühl und die Erfahrungswerte ignoriert werden, ganz im Gegenteil. Es ist höchste Zeit, das positive Veränderungspotenzial von KI sichtbar zu machen, beispielswiese im Gesundheitswesen. KI soll die Jobs von Ärzten oder Pflegern nicht ersetzen, sondern erleichtern, verbessern und den Patienten und dessen optimale Versorgung ganz klar in den Mittelpunkt stellen. Maschinen können beispielsweise mit den Daten von Personen gefüttert werden, um eine individuelle Beratung zur Dosierung und Nebenwirkung von Medikamenten zu liefern. Intelligente Sprachanalyse kann wichtige Erkenntnisse in der Diagnose und Therapie von Volkskrankheiten wie Parkinson, Alzheimer und Depression liefern. Wenn wir verstehen, was KI erreichen kann, werden hoffentlich auch die Berührungsängste abnehmen. Außerdem bin ich der Überzeugung, dass durch KI viele neue Jobs und Tätigkeitsfelder geschaffen werden, von denen wir heute noch nicht wissen, dass es sie geben wird.

FiF: Haben Sie Routinen, die Sie als Faktoren für einen effektiven und erfolgreichen Arbeitsalltag empfinden?

Wenn ich so darüber nachdenke, muss ich ehrlich sagen, dass ich kaum Routinen in meinem Arbeitsalltag habe. Das liegt wahrscheinlich auch daran, dass in einem Scale-up jeder Tag ein wenig anders aussieht. Für uns ist es wichtig, flexibel zu bleiben und Dinge schnell umzusetzen. Feste Routinen und Abläufe wären da vielleicht sogar etwas hinderlich. Als CEO bin ich natürlich auch sehr viel unterwegs. Außerdem bin ich immer auf der Suche nach neuen Anwendungsmöglichkeiten unserer Technologie und tausche mich stetig mit internationalen Projektpartnern dazu aus. So entstehen auch oft sehr kurzfristige Anfragen, die es erfordern, schnell zu reagieren, Entscheidungen zu treffen und manchmal einen anderen Weg zu gehen als vorher gedacht.

Was sich vielleicht zu meiner Routine gemausert hat: Die Dinge, die schnell abzuarbeiten sind, auch direkt früh morgens zu erledigen. So wenig wie möglich aufschieben und sich auch den unangenehmen Dingen möglichst früh am Tag widmen, ist wichtig, denke ich. Dann hat man danach die Zeit, den To Dos, die länger brauchen, die volle Aufmerksamkeit zu geben.

Das erste, womit ich meinen Tag im Büro aber wirklich immer beginne, ist, meine Bürotür zu öffnen und sie offen stehen zu lassen. Damit ich ansprechbar bin und jeder kommen und gehen kann, wie er will. Das ist in meinen Augen wirklich ausschlaggebend für den Austausch mit meinem Team und letztlich auch für unseren Erfolg.

FiF: Welche Entscheidungen haben dazu geführt, dass Sie sind, wer Sie sind?

Definitiv eine Entscheidung, die schon sehr lange zurückliegt: Wie gesagt, habe ich mich mit 15 Jahren dazu entschlossen, aus einem 800-Seelen-Dorf in der Steiermark in die Millionenstadt Wien zu ziehen, um dort in der Oberstufe eine auf Informatik spezialisierte Schule zu besuchen. Dort konnte ich mich endlich intensiv mit technischen Themen beschäftigen. Als die Entwicklung der Prozessortechnik voranschritt und die Rechenleistung revolutioniert wurde, war für mich klar, dass ich mich mit Künstlicher Intelligenz und ihren Möglichkeiten auseinandersetzen möchte, allerdings nicht als Entwickler – da gibt es Personen, die das sehr viel besser können als ich – sondern in strategischer und kreativer Hinsicht.

Nicht nur deshalb war dieser Entschluss damals so wichtig. Dieser Schritt hat mich persönlich sehr geprägt. Es war eine Überwindung, so früh von Zuhause weg zu gehen. Das ist mir schwerer gefallen als erst gedacht aber am Ende ist alles gut gelaufen. Ich habe sogar als Jahrgangsbeste das Abitur abgeschlossen und hatte schon vor dem Abschluss erste Jobangebote in der Tasche. Das hat mir vor vielen Dingen die Angst genommen und mich flexibel werden lassen.

Ich glaube, das trage ich bis heute in mir – auch den Drang, Dinge einfach mal zu machen, in die Hand zu nehmen und selbst aufzubauen. Deshalb war in den Konzernen, in denen ich gearbeitet habe, auch langfristig nicht der richtige Platz für mich, obwohl mir diese Arbeit auch sehr viel Spaß gemacht hat und ich viel gelernt habe. Mir fehlte am Ende aber die wirkliche und ehrliche Bereitschaft, Dinge zu bewegen und Innovationen voranzubringen, vieles war sehr politisch. Das hat mich zu der zweiten wichtigen beruflichen Entscheidung in meinem Leben gebracht: es selbst zu probieren und mit audEERING ein eigenes Unternehmen (mit) zu gründen.

FiF: Sie arbeiten in der männerdominierten IT-Branche. Welche Eigenschaften empfinden Sie als wichtig, um ernst genommen zu werden?

Frauen sollten vor allem an sich selbst und ihr Können glauben. Das ist das Allerwichtigste. Sie dürfen sich nicht davon entmutigen lassen, dass die Tech-Branche männerdominiert ist. Der Fokus sollte immer auf Eignung, Kompetenz und Leistung liegen, nicht auf dem Geschlecht. Allerdings beobachte ich immer wieder, dass sich Frauen im Gegensatz zu Männern selbst im Weg stehen. Sie setzen sich Grenzen, weil sie es vielleicht gewöhnt sind und bremsen sich in der Selbstverwirklichung aus, weil Ihnen viele Faktoren oder Unsicherheiten von außen mitgegeben werden. Fragen wie: „Ist der Job vereinbar mit einer Familie?“ oder „Ist das zu anstrengend und kann ich da mithalten?“ schwingen häufig mit. Ich möchte Frauen anregen, über diese Grenzen hinaus zu denken, ihre Ideen im Fokus zu behalten und an die eigenen Ziele zu glauben – dann ist alles vereinbar, was man vereinbaren möchte. Man findet schon einen Weg.

FiF: Was war der beste Rat, der Ihnen in Ihrer beruflichen Karriere je gegeben wurde?

Einen der besten Ratschläge meines Lebens habe ich von einem Selfmade-Milliardär bekommen, den ich während meines Studiums in New York im Rahmen eines Vortrags kennengelernt hatte. Er heißt Frank Stronach, ist gelernter Schlosser und kommt wie ich aus einem Nachbarort von Weiz in der Oststeiermark. Das von ihm gegründete Unternehmen Magna International ist heute einer der größten Automobilzulieferer der Welt mit rund 170.000 Angestellten.

Sein Rat an mich war: „Mach beruflich das, woran Du Spaß und Freude hast! Dann bist du darin automatisch erfolgreicher als andere.“ Das klingt zwar einfach, aber es steckt so viel in dieser Aussage. Im Leben sollte man nicht nur beruflich das tun, was man wirklich liebt, was einen antreibt und selbst motiviert. Dann fallen auch damit verbundene Dinge, die man nicht so sehr mag, leichter, und sind einem größeren Ziel untergeordnet. Das höchste Gehalt, der schönste Firmenwagen und das schickste Büro werden uns niemals so sehr zu Höchstleistungen motivieren wie die Freude und die Leidenschaft für das, was wir tun.

FiF: Haben Sie ein Produkt/Buch/Hilfsmittel, welches Ihren Arbeitsalltag deutlich erleichtert hat und Sie jeder Kollegin empfehlen würden?

Ich benutze gute Wireless Kopfhörer sowohl zum Telefonieren als auch zum Entspannen, Musik hören oder beim Laufen durch den Wald. Auch würde ich jeder Kollegin generell ein paar gute Laufschuhe empfehlen und sich die Zeit zu nehmen, um abzuschalten.


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