Interview: Birgit Wetjen (Finanzexpertin, Autorin)

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(c)Gianna_Koenig

„Frauen, stolpert nicht besseren Wissens in eine Armutsfalle“

Die eigenen Finanzen sind für Frauen von noch größerer Bedeutung als für Männer. Warum? Weil Frauen ein höheres Risiko für Altersarmut haben, welches sogar noch steigt. Denn aktuell wird jede 3. Ehe geschieden. Wer bis dahin über viele Jahre hauptsächlich für die Kinder verantwortlich war und so finanziell abhängig vom Partner, erlebt mit Sicherheit einen sozialen Abstieg. Und obwohl viele (junge) Frauen es nicht wahrhaben wollen und sie aktuell eine gut bezahlte Position bekleiden, der Wendepunkt ist oftmals die Geburt des ersten Kindes und der damit einhergehende Rückschritt in Teilzeit.

Auch deshalb hat Birgit Wetjen ein Finanzbuch speziell für Frauen geschrieben. Im Interview erzählt sie uns, was beim Thema Frauen und Finanzen immer noch falsch läuft, mit welchen einfachen Schritten jede Frau ihre Finanzplanung starten kann und welcher typische Frauenfehler ihr auch jahrelang unterlaufen ist.

FiF: Frau Wetjen, Sie sind Fachfrau für Finanzen und haben für Wirtschaftsmedien wie Capital, WiWo oder ntv gearbeitet. Schildern Sie uns bitte Ihren Lebenslauf.

Ich habe mich als Schülerin für Geisteswissenschaften begeistert – vor allem für Literatur – und dann nach dem Abitur zwei Semester französische Literatur in Frankreich studiert. Danach habe ich eine Ausbildung an der Kölner Journalistenschule für Wirtschaft und Politik gemacht und Volkswirtschaft studiert. Noch vor Abschluss meines Studiums kam mein Sohn zur Welt, deshalb habe ich nach dem Diplom als freie Journalistin gearbeitet. Schwerpunkt meiner Arbeit war von Beginn an Wirtschaft und Finanzen. Geld scheint auf den ersten Blick vielleicht kein spannendes Thema, aber je tiefer man einsteigt, desto spannender wird es.

FiF: Sie haben vor kurzem mit „just Money“ ein Finanzbuch für Frauen geschrieben. Warum benötigen wir Frauen ein explizites Wissen zum Thema Finanzen?

Wir benötigen vielleicht kein explizites Wissen, sondern einen expliziten Zugang – zumindest dann, wenn es um Geldanlage geht. Mir geht es in meinem Buch „just Money“ aber auch sehr stark um die Einstellung zum Thema Geld. Ich möchte Frauen dazu ermutigen, mehr finanzielle Eigenverantwortung zu übernehmen. Noch immer sind es vor allem die Männer, die sich in Partnerschaften um langfristige Finanzplanung und Altersvorsorge kümmern. Viele Frauen verlassen sich also in mehrfacher Hinsicht auf ihre Partner.

FiF: Welche Risiken gibt es denn, denen wir Frauen in puncto Finanzen häufig ausgesetzt sind?

Frauen verdienen weniger, arbeiten nach der Familiengründung oft in Teilzeit, übernehmen unbezahlte Care-Arbeit und erhalten im Alter deutlich weniger Rente. Und dann leben sie auch noch länger. Und wie heißt es so schön: Wer lange lebt, braucht lange Geld! Wer sich auf den Partner verlässt, geht ein hohes Risiko ein – in Großstädten wird jede 2. Ehe geschieden. Finanziell ziehen Frauen dann häufig den Kürzeren, wenn sie zugunsten der Familie auf Karriere und Einkommen verzichtet haben. Wer nicht vorsorgt, riskiert, im Alter jeden Cent dreimal umdrehen zu müssen. Oder schlimmer noch: auf staatliche Unterstützung angewiesen zu sein oder gar den eigenen Kindern auf der Tasche zu liegen. Und das sind keine guten Aussichten.

FiF: Was raten Sie jeder Frau, unabhängig vom Alter, zum Thema Finanzen? Was möchten Sie am liebsten allen Frauen zurufen?

Stolpert nicht besseren Wissens in eine Armutsfalle, sondern kümmert euch um euer Geld! Und wenn ihr keine Lust habt, euch einzuarbeiten: Lasst euch beraten.

FiF: Was ist denn der erste Schritt, den jede Frau, die für das Alter vorsorgen will, machen muss? Und welche weiteren Schritte sollten folgen?

Der erste Schritt ist immer die Bestandsaufnahme: Was habe ich, welche Anwartschaften bestehen – und was brauche ich, um ein angenehmes Leben zu führen? Dann gilt es, das Sparpotenzial zu ermitteln. Wer jung ist, mag oft nicht an später denken, das ist nur allzu menschlich. Aber Zeit ist beim Vermögensaufbau aufgrund des Zinses-Zins-Effektes nun einmal bares Geld. Deshalb rate ich, so früh wie möglich damit zu beginnen und zum Beispiel einen Wertpapiersparplan abzuschließen. Das geht schon ab 25 Euro im Monat oder weniger. Wer diesen Betrag jeden Monat in einen Aktienfonds oder einen ETF investiert, kann über die Jahre ein stattliches Finanzpolster aufbauen.

FiF: Sie selbst sind erfolgreiche Finanzjournalistin und aktuell Chefredakteurin eines Frauenfinanzmagazins. Gab es auf ihrem Karriereweg auch kuriose Situationen, weil für viele Personen die Themen Frauen und Finanzen nicht zusammenpassten?

Die Finanzbranche ist sehr männerdominiert – früher wohl noch stärker als heute. Ich habe irgendwann festgestellt, dass die gängigen Finanzmagazine, für die ich ja gearbeitet habe, Frauen kaum ansprechen. Deshalb habe ich begonnen, mich mit dem Thema Frauen und Geld zu beschäftigen. Seitdem höre ich immer wieder die Frage: Warum gibt es denn Infos speziell für Frauen, obwohl Geld doch geschlechtsneutral ist? Ich muss dann lachen. Raten Sie mal, wer mir diese Frage vor allem stellt? Richtig – sie kommt von Männern!

FiF: Haben Sie einen Karriere-Tipp, der Ihnen auf Ihrem Weg sehr geholfen hat?

Ich habe früher sehr stark an meinen Fähigkeiten gezweifelt und mir wenig zugetraut – obwohl ich eigentlich immer erfolgreich war. Die Angst vor Fehlern hat mich regelrecht blockiert. Ich habe dann eine Coaching-Ausbildung gemacht und am Selbstwert gearbeitet. Das hat mir sehr geholfen.

FiF: Haben Sie ein Produkt/Buch/Hilfsmittel, welches Ihren Arbeitsalltag deutlich erleichtert hat und Sie jeder Kollegin empfehlen würden?

Was meinen Arbeitsalltag deutlich erleichtert hat: ein tolles Wohlfühl-Büro! Mein Kollege und ich arbeiten seit vielen Jahren Hand in Hand und wir können uns zu 100 Prozent aufeinander verlassen. Wenn einer mal nicht mehr weiterweiß, ist der andere da und übernimmt! Auch sonst ist mir die Arbeitsatmosphäre sehr, sehr wichtig! Im guten Team macht jeder Job gleich doppelt Spaß!

Dieser Beitrag hat einen Kommentar

  1. Beate

    Liebe Birgit,
    solche hilfreichen Hinweise hätte es vor 30 Jahren schon geben müssen. Das wäre übrigens auch für Männer besser gewesen – Stichwort Versorgungsausgleich im Scheidungsfall…
    Danke für das Interview :-).

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