Dr. Kim Nilsson Titel

„Junge Mädchen benötigen Vorbilder!“

Es muss nicht immer das BWL-Studium sein um eine erfolgreiche Gründerin zu sein. Eindrucksvoll bewiesen hat dies Dr. Kim Nilsson. Die gebürtige Schwedin ist promovierte Astrophysikerin, doch als sie in die Wirtschaft wechseln will, hagelt es Absagen. Als sie den Grund dafür ausfindig macht, gründet sie das Unternehmen Pivigo um andere Datenwissenschaftler genau vor dieser Situation zu bewahren.

Pivigo bringt Firmen und Datenwissenschaftler zusammen. Seit der Gründung hat Nilsson viele Preise und Auszeichnungen erhalten. Darunter u.a. als Rising Star unter den Top 100 Influencers of Big Data in Großbritannien, wo sie zusätzlich ein Mitglied der Data Skills Taskforce der Regierung ist.

Im Interview erzählt uns Dr. Kim Nilsson, wie man auch als Wissenschaftlerin erfolgreich gründet, wie wichtig weibliche Vorbilder sind und warum Lesen das eigene Netzwerk erweitert.

FiF: Frau Dr. Nilsson, Sie sind eine mehrfach ausgezeichnete Unternehmerin. Schildern Sie bitte Ihren Lebenslauf.

Ich heiße Kim Nilsson und bin Mitgründerin sowie Geschäftsführerin des Data-Science-Hubs Pivigo. Meine Karriere begann in der Astrophysik. Bereits im Kindesalter war ich vom Funkeln der Sterne fasziniert und die Begeisterung hält bis heute an. Ich bin gebürtige Stockholmerin, habe an der Universität Kopenhagen in Astrophysik promoviert und startete eine erfolgreiche Astronomie-Karriere mit einem Postdoc-Stipendium am renommierten Max-Planck-Institut für Astronomie in Heidelberg in Deutschland, wo ich für ein paar Jahre als Wissenschaftlerin arbeitete. Während dieser Zeit bekam ich die Auszeichnung „Hubble-Astronom“, auf die ich sehr stolz bin.

Schwerer Start in die freie Wirtschaft

Allerdings suchte ich dann nach einer neuen Herausforderung. Ich nahm mir vor, von der Wissenschaft in die freie Wirtschaft zu wechseln. Dieses Vorhaben gestaltete sich aber alles andere als einfach. Ich musste etliche Absagen auf Bewerbungen in Kauf nehmen. Um besser Fuß in der Wirtschaft fassen zu können, absolvierte ich ein Masterstudium in Business Administration an der Cranfield School of Management.

Während dieser Zeit entstand auch die Idee zu Pivigo. Das Unternehmen habe ich gemeinsam mit meinem MBA-Kommilitonen Jason Mueller im Jahr 2013 gegründet. Unser Ziel war es, eine Community zu schaffen, die eine Brücke zwischen Firmen und Datenwissenschaftlern schlägt.

Preisgekrönt

Seit dem Launch von Pivigo erhielt ich mehrere Auszeichnungen in Großbritannien, u.a. als Rising Star unter den Top 100 Influencers of Big Data oder als Entrepreneur of the Year bei den Women IT Awards. Zudem bin ich Mitglied der Data Skills Taskforce der britischen Regierung, fungiere als Vorsitzende der Tech UK Big Data Skills Group und unterstützte gemeinnützige Aktivitäten wie die Pydata oder Women in Tech.

FiF: Haben Sie Routinen, die Sie als Faktoren für einen effektiven und erfolgreichen Arbeitsalltag empfinden?

Ich erstelle mir jede Woche eine To-do-Liste. Jeden Sonntagabend schreibe ich genau auf, welche Aufgaben in der anstehenden Woche erledigt werden müssen. Zwischen Meetings, Events und anderen Terminen streiche ich dann die Aufgaben von der Liste, die ich bereits erledigt habe. Es ist schön zu sehen, wie die Liste im Laufe der Woche immer kürzer wird.

Zudem versuche ich zu regelmäßigen Zeiten zu Lunchen und Termine so zu takten, dass mir zwischendurch immer etwas Zeit für mich sowie das Abarbeiten von offenen To-dos sowie das Schreiben und Beantworten von Emails bleibt. Mir ist es aber auch wichtig, Zeit für mein Team zu haben und regelmäßige Feedback-Gespräche mit allen Mitarbeitern zu führen. Hierbei klingen zum Teil großartige Ideen zur Verbesserung unseres Businesses an.

FiF: Mütter plagt oft ein schlechtes Gewissen, wenn sie im Beruf eine Karriere anstreben. Wie wichtig empfinden Sie die Vorbildfunktion von Frauen und warum?

Die Vorbildfunktion von Frauen ist meiner Meinung nach enorm wichtig. Vielfalt ist oftmals der Schlüssel für brillante Innovationen. Dabei geht es nicht nur darum, großartige Ideen zu generieren und umzusetzen, sondern auch darum, sicherzustellen, dass alle an dieser Entwicklung Teil haben. Wenn Innovationen von nur einer Gesellschaftsgruppe geleitet werden, werden alle neuen Produkte auf deren Zielgruppe ausgerichtet sein. Um aber alle ansprechen zu können, bedarf es eines vielfältigen Teams.

Das bedeutet auch, dass wir mehr Frauen in allen Branchen, einschließlich der Tech- und IT-Branche, brauchen. Dies gelingt allerdings nur, wenn bereits junge Mädchen zu echten Vorbildern aufblicken können, die ihnen den Weg ebnen und verschiedene Karrierepfade vorleben. Erst kürzlich habe ich eine Gruppe von 15 Mädchen im Alter von 12 Jahren getroffen, die sich für Programmierung und Daten interessieren. Ihnen zeigen zu können, dass sie im Bereich Technik eine erfolgversprechende Karriere starten können, hat mir sehr viel Spaß gemacht.

FiF: Mit Pivigo haben Sie ein Unternehmen mitgegründet, welches Firmen bei der Digitalisierung unterstützt, in dem diese sich digital transformieren. Warum ist dieser digitale Schritt so wichtig?

Die Welt verändert sich immer schneller und dieser Wandel ist weitestgehend technologiegetrieben. Die USA haben bei technologischen Entwicklungen schon immer eine führende Rolle gespielt. Mittlerweile holt China aber stark auf – nicht zuletzt durch starke Investitionen in Künstliche Intelligenz und Technologieforschungen. Wenn Europa im Wettbewerb bestehen will, müssen wir schneller denn je innovativ sein.

Die gute Nachricht ist, dass europäische Unternehmen über viele tolle Talente und ein unheimlich vielseitiges Know- how verfügen. Die Aufgabe besteht jetzt darin, Anreize zu bieten und Entwicklungen sowie Ideen tatkräftig voranzutreiben. Zudem müssen wir uns noch mehr ins Bewusstsein rufen, dass Technologien die Fähigkeit besitzen, unser Leben besser und einfacher machen zu können.

Ich zeichne immer gerne folgendes Zukunftsbild: Wir werden eines Tages mitten in der Nacht von unserem Smart House aufweckt werden, weil unsere Gesundheitswerte von den Normal-Werten abweichen, unser selbstfahrendes Auto steht dann bereits vor der Tür, wartet auf uns, um uns ins Krankenhaus zu bringen, wo der Arzt bereits Zugang zu all unseren Gesundheitsdaten hat und sofort eine Diagnose stellen kann. Meiner Meinung nach liegt solch ein Tag nicht allzu weit in der Zukunft entfernt. Technologien werden Leben retten und die Lebensqualität für alle erheblich verbessern.

FiF: Sie lesen sehr gerne Business-Bücher. Welche drei Bücher haben Sie am meisten inspiriert und warum?

Ich lese sehr viel. Ein Buch, das großen Einfluss auf mich hatte, war „Contact“ von Carl Sagan. Allerdings handelt es sich hierbei um kein Business-Buch. Es geht vielmehr um eine Astronomin, die die ersten Signale aus dem Weltall entdeckt und ein Team leitet, das zu entschlüsseln versucht, was die Außerirdischen uns mitteilen wollen. Diese kluge, entschlossene und motivierte Frau hatte eine große Vorbild-Funktion für mich. Ihr fiktives Verhalten war definitiv einer der Gründe, warum ich später Astrophysikerin wurde.

Ein weiteres Buch, das mir verdeutlicht hat, wie Daten genutzt werden können und das Dinge oftmals anders sind als es anfangs scheint, ist „Freakonomics“ von Steven Levitt. Es stellt Verbindungen zwischen Themen her, die man sich nie hätte vorstellen können. Hierbei geht es vor allem um Daten und Wirtschaftstheorien.

Ebenfalls inspiriert und geprägt hat mich das Buch „Traction: How Any Startup Can Achieve Explosive Customer Growth“ von Gabriel Weinberg. Das Buch hat mir, einem „Marketing-Dummy“, sehr dabei geholfen, zu verstehen, welche Marketing-Kanäle für ein Startup erfolgversprechend sind und mich maßgeblich davor bewahrt, unnötig Geld in Kanäle zu investieren, die unrelevant sind.

FiF: Was raten Sie jungen Frauen, die ähnlich erfolgreich sein wollen wie Sie? Wie wichtig sind Auslandserfahrung, Durchsetzungsvermögen oder das eigene Netzwerk?

Es ist unheimlich wichtig, die „richtigen“ Menschen zu kennen und sich ein umfassendes Netzwerk aufzubauen. Der Umgang mit verschiedensten Menschen ist zudem ausschlaggebend für die eigene persönliche Entwicklung und kann großen Einfluss darauf nehmen, ob man später eine Karriere in einem Unternehmen anstrebt oder eine eigene Firma gründen wird. Viele Networking-Tipps habe ich dem Buch „Never Eat Alone“ von Keith Ferazzi entnommen. Es hebt die Relevanz eines guten Netzwerkes hervor und beschreibt zugleich, wie man es richtig macht. Im Grunde ist es gar nicht so schwer, solange man einfach man selbst bleibt, neugierig ist und seinem Gegenüber Fragen stellt.

Der Aufbau eines Netzwerkes braucht Zeit, daher lohnt es sich, relativ früh damit zu beginnen. Aber auch das Sammeln von Auslandserfahrungen ist neben dem Networking enorm wichtig. Das Arbeiten im Ausland fördert den Aufbau von eigenen Fähig- und Fertigkeiten, stärkt das Selbstbewusstsein und Vertrauen in sich selbst und verändert die Perspektive auf die eigene Kultur und die nationalen Herausforderungen. Auf solche Erfahrungen zurückgreifen zu können, ist äußerst bedeutsam, denn nahezu jedes Unternehmen ist daran interessiert, Mitarbeiter für sich zu gewinnen, die an sich selbst und ihre Fähigkeiten glauben.

FiF: Was war der beste Rat, der Ihnen in Ihrer beruflichen Karriere je gegeben wurde?

Ich habe wirklich sehr viele gute Ratschläge erhalten. Zu Beginn meiner Karriere war der beste Rat, den ich bekam, wöchentlich den Economist zu lesen. Seit fast zehn Jahren lese ich nun regelmäßig jede Woche den Economist (zumindest die Business-Seiten, idealerweise auch den Finanzbereich und was mir sonst noch so ins Auge fällt) und konnte mir so ein recht umfangreiches Allgemeinwissen über die Geschäftswelt aneignen. Das ist sehr hilfreich für Gespräche – dabei ist es ganz egal, ob man auf jemanden trifft, der über den Klimawandel, rechtliche pharmazeutische Angelegenheiten oder die Medienlandschaft diskutieren möchte. Personen, die bei jedem Thema mitreden können, werden als sachkundige und interessante Menschen wahrgenommen. Dies wiederum erhöht das Interesse des Gesprächspartners sich ausführlich zu unterhalten.

Grundsätzlich kann man sagen, dass es sehr wichtig ist, viel zu Lesen und sich über Ereignisse die sowohl innerhalb als auch außerhalb des eigenen Interessengebietes bzw. der Themen der eigenen Branche zu informieren. So gelingt der Aufbau eines nutzvollen Netzwerkes sowie der Ausbau der eigenen Kariere garantiert.

FiF: Haben Sie ein Produkt/Buch/Hilfsmittel, welches Ihren Arbeitsalltag deutlich erleichtert hat und Sie jeder Kollegin empfehlen würden?

Ich liebe es zu lesen und mich fortzubilden. Daher gehe ich ohne meinen eBook-Reader auch nur sehr selten aus dem Haus. Ich schmökere täglich in den unzähligen Büchern, die sich auf meinem Kindle befinden. Oft greife ich zu meinem eBook-Reader wenn ich unterwegs bin, um die Zeit effektiv zu nutzen – am liebsten lese ich auf dem Weg zur Arbeit oder nach Hause, aber auch, wenn ich zu Terminen und Veranstaltungen fahre. Ganz oben auf meiner Leseliste stehen Business-Bücher, vor allem, weil man aus ihnen wertvolle Tipps zur erfolgreichen Umsetzung von Geschäftsideen ziehen kann. Passen diese Ratschläge auch zu meinem Unternehmen, versuche ich sie auch teilweise zu adaptieren.

FiF: Frau Dr. Kim Nilsson, vielen Dank für die spannenden Antworten und vielen hilfreichen Tipps.