Interview: Katja Oehl-Wernz (Leiterin Kundenmanagement Unternehmensdienstleistungen beim BNW)

  • Beitrags-Kategorie:Interview
  • Beitrags-Kommentare:0 Kommentare
  • Lesedauer:6 min Lesezeit

“Die Herausforderungen der Digitalisierung sind und bleiben in der nächsten Zeit ein überragendes Thema in der Qualifizierung.”

Weiterbildung oder das Investieren in sich selbst ist in einer immer komplexeren Arbeitswelt ein wichtiger Baustein für die Karriere. Das kann uns die Fachfrau für Wirtschaftsschulungen und -seminare, Katja Oehl-Wernz, bestätigen. Denn sie ist Abteilungsleiterin beim BNW, das Bildungswerk der Niedersächsischen Wirtschaft, welches als einer der größten deutschen Partner der Wirtschaft Fach- und Führungskräfte weiterbildet.

Anders als heutzutage üblich, hat sich Oehl-Wernz bewusst dazu entschieden, erst Kinder zu bekommen und danach die Karriere zu starten. Im Interview erzählt sie uns, nach welchen Fähigkeiten Unternehmen aktuell suchen, wie sie sich aufgrund des klischeebehafteten Teilzeitjobs selbständig gemacht hat und was Frauen alles erreichen können, wenn sie mehr auf sich vertrauen.

FiF: Frau Oehl-Wernz, Sie haben sich erst für Kinder und dann für Karriere entschieden. Beides mit Erfolg. Schildern Sie uns bitte Ihren Lebenslauf.

Ich konnte mich von Kind an frei entfalten – beide Elternteile waren ab meinem 6. Lebensjahr voll berufstätig. Nach meinem Abitur folgte das Studium der Volkswirtschaftslehre mit Spezialisierung auf Entwicklungsökonomie. Ich wollte gern in die Entwicklungshilfe. Dann die rationale Entscheidung direkt nach dem Studium: Erst Kinder, dann starte ich durch!

In 1993, zwei Kinder waren geboren, wollte ich beruflich losgehen. Damals hatte ich keine Chance in der Region Ostwestfalen-Lippe, in der ich mittlerweile mit meiner Familie wohnte, einen qualifizierten Teilzeitjob zu bekommen. Im Nachhinein war es ziemlich naiv, direkt nach dem Studium und ohne jegliche Berufserfahrung in die Familienplanung einzusteigen. Dann der Start im Bildungswesen als freiberufliche Trainerin. Zunächst ging der Verdienst fast 1:1 an unsere Tagesmutter. Die aus der Not heraus gewählte Tätigkeit entwickelte sich zu einer geliebten Arbeit. Ich bin der Branche treu geblieben. Die Verantwortungsbereiche nahmen beständig zu. Heute verantwortete ich die berufliche Qualifizierung von Beschäftigten beim Bildungswerk der Niedersächsischen Wirtschaft.

Ich bin nun Wochenend-Pendlerin – das verstehen viele Männer in meinem Bekanntenkreis nicht. Die Frauen verstehen das in der Regel schon.

Ich habe viel Glück gehabt, aber auch einiges versucht und gewagt. Mit Familie und – das muss ich leider sagen, etwas finanziellem Rückhalt, konnte ich meinen Weg gehen.

Die Zeiten haben sich Gott sei Dank verändert. Aber, es ist noch ein gutes Stück zu gehen.

FiF: Sie berichten von „keine Chance einen qualifizierten Teilzeitjob zu bekommen“. Glauben Sie, dass dieser Makel immer noch besteht und schnellstens von Unternehmen behoben werden muss, um kompetente Frauen dauerhaft zu halten? Oder sehen Sie bereits Veränderung? Wenn ja, welche?

Es ist wirtschaftlich vollkommen unsinnig, das große Potential gut ausgebildeter Frauen nicht zu nutzen. Das erkennen Unternehmen zunehmend. Druckpunkte sind außerdem der demografische Wandel und die Tatsache, dass auch Männer das Thema Vereinbarkeit für sich entdeckt haben. Die Möglichkeiten, in Teilzeit zu arbeiten – auch in einer Führungsposition – nehmen zu. Eine Teilzeitbeschäftigung behindert Aufstiegschancen nicht mehr in dem Maße wie früher.

FiF: Wie waren Ihre Erfahrungen beruflich wie privat nachdem Sie sich „aus der Not“ selbständig gemacht haben? Raten Sie jungen Müttern zu diesem Schritt, um die gewünschte Balance aus Familie und Beruf zu finden?

Für mich war das ein guter Schritt, aber ich würde nicht soweit gehen, es jungen Müttern zu raten. Außerdem bietet nicht jede Qualifikation diese Möglichkeit.

FiF: Sie haben sich getraut und gewagt. Sind dies zwei wichtige Charaktereigenschaften, die Sie jeder ambitionierten Karrierefrau mit auf den Weg geben möchten und gibt es weitere?

In jedem Fall. Mut und Neugierde sind förderliche Eigenschaften. Aber auch das Vertrauen in sich selbst ist elementar. Frauen bewerben sich häufig erst auf eine Stelle, wenn sie die Stellenanforderungen hundertprozentig erfüllen, Männer bereits, wenn sie diese Anforderungen zu 60 Prozent „bedienen können“.

FiF: Ihr Fachgebiet ist die Erwachsenenbildung. Welche Themen liegen bei der Berufsbildung aktuell im Trend? Was wird zukünftig von immer größerer Bedeutung?

Die Herausforderungen der Digitalisierung sind und bleiben in der nächsten Zeit ein überragendes Thema in der Qualifizierung. Das gilt für jedes Berufsbild und jede Tätigkeit. Ob Sie im Büro, im Lager, im Projektmanagement oder in der Produktion arbeiten: Die Digitalisierung verändert ihre Arbeits- und Lebenswelt in jedem Fall. Anstrengend – aber auch mega spannend. Hier gilt es, nicht nur fachliche Kompetenzen zu entwickeln, sondern auch überfachliche wie z.B. agile Arbeitsformen oder Führungskompetenzen. Als Führungskraft ist es wichtig, die Mitarbeitenden auf dem Weg in die zunehmend digitalisierte Welt mitzunehmen.

FiF: Sie arbeiten viel mit Unternehmen zusammen und bieten entsprechende Seminare an. Welchen USP suchen Firmen heute verstärkt, womit Frauen bei Bewerbungen glänzen können?

Angesichts der enormen Veränderungsprozesse, mit denen sich Unternehmen konfrontiert sehen, sind Menschen, die Fähigkeiten im Veränderungsmanagement mitbringen, so gefragt wie nie. Neben den fachlichen Kenntnissen – die ihre Relevanz behalten haben – werden insbesondere digitale Kompetenzen, Selbstmanagement und ein agiles „Mindset“ immer wichtiger. Wenn es darum geht, Veränderungen umzusetzen, dann müssen Teamfähigkeit und Flexibilität immer öfter mit der eigenen Einschätzung in Einklang gebracht und dafür alte Denkmuster aufgebrochen werden. Eine moderne Abstimmungs- und Feedbackkultur braucht Menschen, die vielfältige Meinungen und Interessen moderieren und integrieren können – sachlich, aber auch nicht ohne Passion. Das Thema Führung setzt in Veränderungsprozessen komplexe Anforderungen frei, auf der anderen Seite gibt es tolle bewährte Methoden, um die Herausforderungen zu meistern. Voraussetzung ist immer die Bereitschaft zu Flexibilität und die Lernbereitschaft.

Kurz: Frauen können mit Fachkenntnissen und einer offenen, selbstbewussten Persönlichkeit glänzen und sich durch Lösungskompetenz hervorheben.

FiF: Gibt es einen Karriere-Tipp, der Ihnen auf Ihrem Weg sehr geholfen hat?

Sei dir deiner Kompetenzen bewusst, betreibe Selbstmarketing, Netzwerke und gib nicht auf!

FiF: Letzte Frage: Haben Sie ein Produkt/Buch/Hilfsmittel, welches Ihren Arbeitsalltag deutlich erleichtert hat und Sie jeder Kollegin empfehlen würden?

Eigentlich habe ich so etwas nicht. Aber ich habe mal eine Karte geschenkt bekommen, die ich immer im Blick habe. Auf der steht: „Freue dich so viel du kannst. Freude macht stark“. Dem kann ich nur zustimmen.

Schreibe einen Kommentar