Claudia Eilles-Matthiessen Titel
Es muss nicht immer reden sein

„Die Stärken der Frauen bei der Konfliktlösung“

Das richtige Verhalten in Konflikten – oftmals ein Problem für viele Frauen im Beruf. Denn trotz intensiver Gesprächsvorbereitung fällt es uns schwer, unsere Meinung klar zu äußern. Das Resultat ist dann meist ernüchternd. Um den Konflikt zu lösen oder gar nicht erst eskalieren zu lassen, lenken wir mit unseren Forderungen viel zu früh ein. Schlußendlich fühlen wir uns dadurch als Verlierer und müssen uns die Niederlage auch noch selbst zuschreiben, weil wir uns nicht klar positioniert haben.

Claudia Eilles-Matthiessen kennt diese Situationen. Als Konfliktcoach hilft sie Menschen oder ganzen Abteilungen ihr eigenes Konfliktverhalten zu verbessern um so eine entsprechende Konfliktlösung der Beteiligten sicher zu stellen. Dabei spielt die eigene, subjektive Handlung gemeinsam mit der emotionalen Haltung jedes Einzelnen eine große Rolle – und verhindert dadurch oftmals das kurzfristige Finden einer passenden Lösung für alle Beteiligten.

Es muss nicht immer reden sein

Aus diesem Grund hat Claudia Eilles-Matthiessen ein Buch geschrieben. In „Es muss nicht immer reden sein“ hilft sie Lesern bei ihrem Konfliktverhalten. Denn zunächst geht es darum, den Konflikt objektiv zu betrachten, sich das Verhalten und die Meinung der anderen Beteiligten genauso wie die eigenen Gefühle bewusst zu machen. Deshalb beschreibt Eilles-Matthiessen auch ausgiebig die einzelnen Faktoren, welche die eigene Selbstregulation unterstützen. Denn die Fähigkeit der Selbstregulierung ist bei der Lösung von Konflikten von entscheidender Bedeutung.

Der Konfliktnavigator

Zusätzlich befindet sich im Buch ein Konfliktnavigator, der wie eine Art Fragebogen den Leser anleitet, den akuten Konflikt zunächst einmal in seine „Einzelteile zu zerlegen“. Ein nächster wichtiger Schritt um die Entstehung des Konflikts zu verstehen.

Im Interview erläutert Claudia Eilles-Matthiessen, warum die Kenntnis in Bezug auf Selbstregulation von großer Bedeutung für ein erfolgreiches Konfliktverhalten ist. Darüber hinaus gibt sie Einblicke in ihre alltägliche Arbeit als Konfliktcoach und nennt Eigenschaften, die bei Konflikten typisch weiblich sind.

FiF: Schildern Sie bitte Ihren Lebenslauf.

Abitur, Berufsausbildung, Psychologiestudium in Frankfurt am Main, Promotion, Entscheidung für den Weg in die Selbstständigkeit mit einer Spezialisierung auf den ressourcenstärkenden und lösungsorientierten Umgang mit sozialen und inneren Konflikten.

Aktuell berate und begleite ich Führungskräfte und Teams aus Unternehmen und Hochschulen und arbeite in freier Coaching-Praxis in Frankfurt am Main. Mit meiner Heimatuniversität, der Goethe Universität Frankfurt, bin ich nach wie vor verbunden – unter anderem als Dozentin für Coaching und Konfliktmanagement.

FiF: Ihr neues Buch „Es muss nicht immer reden sein“ unterstützt den Leser bei der Konfliktlösung. Im ersten Teil vermitteln Sie viel theoretisches Wissen, hauptsächlich zum Thema Selbstregulation. Warum ist das so wichtig?

Kurz gesagt: Weil der Schlüssel zur Lösung von Konflikten immer in der eigenen Person liegt. Denn: Wer Konflikte erlebt, begegnet sich selbst. Ausführlicher: Wir neigen dazu, die Verantwortung für die Lösung von Konflikten spontan beim Anderen zu suchen. Er oder sie möge sich anders verhalten, respektvoller, rücksichtsvoller sein oder schlicht weniger nerven und seinen Job richtig machen. So verständlich diese Wünsche sind, sie haben einen gravierenden Nachteil: Man macht sich vom Anderen abhängig. Wer dagegen bei sich selbst ansetzt, übernimmt Verantwortung und erobert sich die Kontrolle über die Situation zurück.

Außerdem kann man in jedem Konflikt eine Menge lernen – vor allem über sich selbst. Warum nervt mich genau dieses Verhalten des Anderen so sehr? Warum reagiere ich genau in diesen Situationen mit Zorn oder Rückzug? Wer das reflektiert erfährt viel über die eigenen Bedürfnisse, „wunden Punkte“ aber auch Stärken – und kann künftig noch besser mit sich selbst und mit Konflikten umgehen.

FiF: Sie nennen das Entwickeln von Zielen und deren bildliche Darstellung dieser als einen Schritt zur Konfliktlösung. Gerät das eigentliche Ziel der Konfliktpartner oftmals aus dem Fokus?

Wie bei jedem Coaching, kommt auch im Konfliktcoaching dem Ziel eine wichtige Rolle zu. Ich achte darauf, dass die Klienten Ziele formulieren, die sie weitgehend autonom erreichen können. Zum Beispiel: Ich möchte mich souverän und entspannt fühlen, wenn ich meiner Chefin begegne. Oder: Ich möchte meine Haltung zum Thema X klar und deutlich darlegen. Bei derartigen Zielen kann ich meine Klienten rasch und effizient unterstützen – auch mit Methoden aus der Hypnotherapie wie der Nutzung ressourcenstärkender innerer Bilder und Imaginationen.

FiF: Was hat es mit der bildlichen Darstellung auf sich? Sie verwenden sie öfters.

Ja, die Bedeutung von inneren Bildern, Metaphern und Imaginationen habe ich in meiner hypnotherapeutischen Ausbildung kennengelernt. Im Alltag kennt jeder die Erfahrung: Ein rein aus Vernunftgründen gefasster Vorsatz reicht nicht aus. Sei es Sport, Ernährung oder Rauchstopp – rein rational gefasste Vorsätze sind so stabil wie ein Schneemann bei Tauwetter. Wirklich kraftvoll dagegen wirken innere Bilder und Imaginationen und zwar solche, die der Klient für sich selbst erschafft – nicht die von außen vorgegebenen.

Die Begründung dafür liefert die Hirnforschung: So gibt es Hinweise darauf, dass die wirklich relevanten Prozesse im Gehirn sich weniger in der Großhirnrinde, sondern in den sogenannten subkortikalen Hirnstrukturen, dazu gehört auch das limbische System, abspielen. Hier werden Emotionen, motivationale Prozesse und Erinnerungen verarbeitet. Wenn ich im Coaching mit inneren Bildern und Imaginationen arbeite, nutze ich diese Kraft. Dies gelingt dann besonders gut, wenn positive und ressourcenstärkende Erfahrungen und innere Bilder anschließend mit sogenannten Erinnerungshilfen im Alltag verankert werden.

FiF: Mittels Konfliktnavigator kann jeder Konfliktpartner die einzelnen Schritte zur Lösung „abarbeiten“. Warum bedarf es den Navigator? Welcher Schritt wird im Alltag oftmals übergangen, so dass der Konflikt bestehen bleibt?

Die Aufmerksamkeit ist oft sofort beim Konfliktpartner. Der Blick auf die eigene Person und einen möglichen Eigenanteil wird übergangen. Daher setzt der Konfliktnavigator genau da an: Bevor Du auf den anderen schaust, betrachte Dich selbst. Immer allerdings mit Wertschätzung und einem freundlichen Blick.

Ein weiterer Vorteil des Konfliktnavigators ist – den Rückmeldungen der Kunden zufolge – die Systematik und die Struktur. Gerade bei Konflikten erleben die Betroffenen oft ein Knäul von Themen, Gedanken, Emotionen. Diese gilt es zu entwirren. Am Ende steht eine klare Zielvorstellung, die dann in eine konkrete Strategie mündet. Denn: Wenn ich den Sonnenaufgang sehen will, reicht es nicht, um 5:00 Uhr morgens aufzustehen, ich muss auch in die richtige Richtung schauen.

FiF: Für Frauen sind Konflikte und das richtige Verhalten diesbezüglich ein wichtiges, berufliches Thema. Haben Sie in Ihrer langjährigen Arbeit als Coach bemerkt, dass Frauen mit Konflikten anders umgehen als Männer? Wie?

Oh je, die Genderfrage… Wer ins Coaching kommt oder eine Mediation anfragt, ist an einer Lösung oder Verbesserung der Situation interessiert und bereit, einen eigenen Beitrag dazu zu leisten. Das gilt für Männer und Frauen gleichermaßen. Frauen sind allerdings etwas selbstkritischer – und mir gegenüber offener. Aber ich respektiere es, wenn Klienten – Frau oder Mann – zurückhaltend sind. Es gibt sehr schöne und wirksame Coachingmethoden, die ein verdecktes Arbeiten erlauben, etwa dann wenn ein Klient nicht so gerne über sehr persönliche Themen sprechen möchte.

FiF: Gibt es weibliche Charaktereigenschaften, die Vorteile in der Konfliktlösung mit sich bringen?

Die wichtigsten persönlichen Voraussetzungen dazu, einen Konflikt selbstbestimmt und rasch zu entschärfen sind für Männer und Frauen gleichermaßen: Verantwortungsübernahme, Selbstreflexion und eine Kombination von Annäherungs- und Abgrenzungskompetenzen. Es geht ums Brücken bauen, aber auch ums Grenzen setzen. Selbstreflexion, Verantwortungsübernahme, Empathie und die Bereitschaft zum Perspektivwechsel bringen Frauen oft schon mit. Das ist ein großer Vorteil für Konfliktlösungen. Was Frauen sich oft zu wenig trauen: Sich ohne Schuldgefühle abgrenzen, auch mal Klartext sprechen und unfaire Attacken unterbinden. Aber das kann man lernen. 

FiF: Letzte Frage: Haben Sie ein Produkt/Buch/Hilfsmittel, welches Ihren Arbeitsalltag deutlich erleichtert hat und Sie jeder Kollegin empfehlen würden?

Dunkle Schokolade und Nüsse, damit das Hirn funktioniert.

FiF: Vielen Dank für das Interview und Ihren detaillierten Einblick in das menschliche Konfliktverhalten.